
Welches Fahrrad würde ich 2026 als Anfänger fürs Bikepacking kaufen?
Mountainbike, Gravelbikes mit und ohne Federung, Reiseräder, ... Die Bikeindustrie schläft nicht und kommt immer wieder mit neuen Ideen das Rad neu zu erfinden. Mit all den Varianten, Formen und Farben, kann man schnell den Überblick verlieren. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema, welches Rad ich mir 2026 kaufen würde, wenn ich nochmal ins Bikepacking starten müsste. Dieser Artikel soll keine Produktreview sein, sondern lediglich ein paar meiner Gedanken bündeln und eine kurze Übersicht über die wichtigsten Eckpunkte geben. Los gehts!
"Nimm das Fahrrad, dass du schon besitzt."
Zuerst möchte ich auf etwas eingehen, was mittlerweile schon einen "Running-Gag" in der Bikepacking-Community darstellt. Das beste Fahrrad ist das Fahrrad das man bereits besitzt und das ist kein Scherz! Es ist besser einfach loszulegen. Bei mir startete das Abenteuer mit meinem Jugendmountainbike, einer Radtasche und einem Rucksack. Das war alles, um einmal quer durch Deutschland zu fahren. Auch Jahre später gilt dieser Grundsatz noch. Schon länger liebäugle ich mit einem neuen, individuellem Bikepacking-Rad. Nach einiger Recherche fasste ich das Sour Pasta Party ins Auge. Mir war wichtig, dass es ein gut verfügbares Rahmenset gibt. Kurz darauf die Ernüchterung (und das ist kein gestelltes Beispiel). Die Geometrien sind bis auf einige Millimeter identisch (Siehe Foto)! Klar sind die Rahmenmaterialien verschieden und die Bikes werden andere Charakter haben, aber allein mit der Geometrie lässt sich der Kauf nicht rechtfertigen. Schade, ich hätte wirklich gern den Kauf mit der besseren Performance gerechtfertigt!

Stack und reach, Wheelbase und Chainstay-Länge
Natürlich hängt die Entscheidung für ein Fahrrad immer vom vorgesehenen Einsatzzweck ab. Für mich wäre das zügiges Bikepacken mit limitiertem Gepäck gegenübergestellt mit "reinen" Tourenrädern für Schwerstgepäck oder Carbon Rennmaschinen, die Gewicht mit Langlebigkeit abwägen. Für mich und die meisten "Normaloradler" sollte das Rad robust und komfortabel sein, sowie einen weiten Einsatzbereich abdecken.
Hier lohnt es sich genauer auf bestimmte Geometriemaße zu schauen. Zu erwähnen sind hier der Stack und Reach. Stack beschreibt die Höhe von der Pedalachse bis zur Lenkerebene. Reach beschreibt die Länge von Pedalachse bis Lenkerebene. (Also einmal in vertikaler Ebene und einmal in horizontaler Ebene). Traditionell haben z.B. Rennräder ein agressiveres "Stack-zu-Reach-Verhältnis", um die Fahrerposition aeorodynamischer zu gestalten. Mountainbikes hingegen kommen meist mit einer etwas entspannteren Geometrie daher. Für ein Bikepackingrad ist es sinnvoll, dass die Geometrie nicht zu aggressiv ist. Bei längerer Fahrdauer dankt es der Rücken und die Hände, wenn diese nicht permanent beansprucht werden. Andererseits wollen wir auch kein Hollandrad, sodass wir immer noch eine sinnvolle Distanz überbrücken können.
Auch der Radstand und die Länge der Kettenstreben (Chainstay-Länge) sind wichtige Indikatoren für das Fahrverhalten eines Rades. Fällt die Kettenstrebe kurz auf wirkt das Rad nervöser, da es sich leichter in eine Rotation bringen lässt. Für etwas mehr Ruhe und Stabilität ist die Tendenz zu einer längeren Kettenstrebe sinnvoll. Allerdings muss hier ein guter Kompromiss gefunden werden. In Fahrsituationen auf dem Trail möchte man ein etwas agileres Fahrverhalten, auf der Straße oder geraden Wegen ein stabileres Fahrverhalten.
In allen Fällen lohnt sich der Blick auf Bikeinsights um einen Eindruck für die Geometrie zu bekommen und mit den eigenen Erfahrungen zu vergleichen.
Hardtail vs. Gravelbike
Als traditioneller Mountainbiker sehe ich den Gravelbike-Trend etwas skeptisch. Zwar spricht die Beliebtheit dieser Bike-Kategorie für sich, jedoch scheint mir das großteils Marketing zu sein. Allerdings ist das Gravelbike über die Jahre gerade in Deutschland sozusagen das Symbol für Bikepacking und der Einstieg in die "Flucht aus dem Alltag" zu sein. Zu recht? Mit Entwicklungen wie vollgefederten Gravelbikes (Treck Checkout), Flatbars und breiten Mountainbikereifen scheinen die Bikehersteller selbst nicht ganz sicher zu sein, was ein Gravelbike nun sein soll? Zusätzlich gibt es ja auch noch die Nischenkategorie der Drop-Bar-Mountainbikes. Man könnte sie schon fast als "Einstiegsdroge" für Rennradfahrer bezeichnen, die ansonsten nur auf den Straßen zu finden sind und sich nicht zur rebellischen Mountainbikecommunity zählen möchten. Genug der Vorurteile. Was sind denn die wesentlichen unterschiede der zwei Kategorien? Exemplarisch möchte ich hier das Canyon Grand Canyon und das Canyon Grizl AL genauer betrachten. Bikeinsights Vergleich Grand Canyon/Grizl

Der größte Unterschied in der Geometrie ist im Frontbreich zu finden. Während das Grand Canyon einen flachen Steuerrohrwinkel aufweist, hat das Grizl eine kurze Front mit steilem Steuerrohrwinkel. Das führt dazu, dass die Sitzposition auf dem Grizel aggressiver, als auf dem Mountainbike ausfällt. Das Grizl bietet aufgrund des riesigen Rahmendreiecks, allerdings mehr Platz im Rahmen für etwaiges Gepäck. Wichtig zu erwähnen ist natürlich auch, dass das Grizl keine Federgabel mitbringt und somit weniger geländetauglich ist. Andererseits hilft die fehlende Federgabel, dem Grizl ordentlich Gewicht zu sparen. Das Rad ist gute 2 kg leichter als das Mountainbike. Bei der Reifenbreite kann das Grizl mittlerweile auch 2,1' Stollenreifen aufnehmen. Das Mountainbike nimmt 2,4' Reifen auf. Auch der Antriebsstrang ist unterschiedlich. Hier sind für Bikepackingfahrten eher die unteren Gänge entscheident. Sofern man Gewicht ans Rad packt (und nicht gerade 400W drückt) wird dieser immer wichtiger, um anständig einen Berg hochzukommen. Das Grizl kommt hier mit einer 30/31 x 36 Übersetzung. Das Canyon bringt eine 30x51 als kleinste Übersetzung mit. Auch hier sollte nochmal gesagt sein, dass eine Entscheidung natürlich von den eigenen Fahrpräferenzen abhängt. Fahre ich abseits des Bikepacking lieber eine Runde auf Straße und Schotterwegen oder verschwinde ich im Wald und nehme noch den ein oder anderen Trail mit?
Das Aluminium Hardtail
Nach all den Betrachtungen bin ich auch im Jahr 2026 immer noch der Meinung, dass ein gutes Aluminium Hardtail Mountainbike den perfekten Begleiter für das Bikepacking darstellt.
Flexibilität
Ein Hardtail Mountainbike ist ein sehr vielseitiges Rad. Nicht zu langsam auf der Straße, aber mit einer Reserve für die anspruchsvolleren Wege, gab es kaum eine Situation in der ich an der Fähigkeit des Bikes gezweifelt habe. Egal, was uns der Weg in Frankreich, Kroatien oder Georgien zu bieten hatte. Mit einem Gravelbike wären sicher wesentlich mehr Schiebepassagen angesagt gewesen!
Preis/Leistung
Die Hardtail Kategorie ist seit langer Zeit etabliert. Sehr gute Komponenten gibt es zu anständigen Preisen und halten, was sie versprechen. Ganz allgemein denke ich, dass man mit einem Hardtail Mountainbike um 1700€ einen super Preis/Leistungs-Verhältnis trifft und sein Geld sicher gut investiert. Zwar mögen höherpreisige Modelle im Gravelbereich leichter sein. Das zusätliche Gewicht durch Fahrer und Gepäck relativiert den Vorteil dann aber schnell wieder.
Komfort
Mit breiten Reifen und einer Federgabel bietet das Mountainbike einen sehr großen Komfort, gerade auf gröberen Wegen. Mit ein paar zusätzlichen Handpositionen kommt da das Gravelbike nicht heran.
Robustheit und Einfachheit
Auch auf der Komponentenseite bietet das Mountainbike einige Reserven. Meist sind die Bremsen etwas größer dimensioniert, um mit den Anforderungen im Gelände umgehen zu können. Im Umkehrschluss hilft das auch dabei, mit dem Zusatzgewicht des Gepäcks umzugehen. Auch ein fehlender Frontumwerfer ohne große Einstellungsproblempunkte hilft dabei, dass während eines Abenteuers nichts kaputt geht. Die standardmäßig kleine Übersetzung ist von Vorteil, alle möglichen Anstiege zu erklimmen.
Fazit
Ein Hardtail Mountainbike ist immer noch ein hervorragender Einstieg ins Bikepacking. Ich würde mir vermutlich wieder ein Canyon Grand Canyon AL 8 zulegen. Die Preis/Leistung ist super und der Rahmen wurde zwischenzweitlich mit weiteren Anschraubpunkten versehen. Auch wenn die Koblenzer dem aktuellen Trend folgen und den Steuerrohrwinkel gegenüber meinem 2019er Modell abgeflacht haben, um den trailfreudigen unter uns entgegenzukommen, ist das Rad immer noch ein sehr kompetenter Allrounder! Man kann leider nicht immer alles gleichzeitig haben....
Kurze Aspekte zum Überlegen
- Antrieb: Kettenantrieb, Getriebe (Pinion, Rohloff) -> Kleinstmöglicher Gang?
- Material: Alumininium, Stahl, Carbon, Titan
- Platz für Gepäck und Anbaumöglichkeiten
- Geometrie/Fit
- Kontaktstellen individuell betrachten.
- Maximale Reifenbreite
- Preis